Das Forschungsprojekt zu den hessischen „Zwischenanstalten“ hat seine Arbeit aufgenommen

Am Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde startete im Juni 2021 ein vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördertes Forschungsprojekt zu den hessischen „Zwischenanstalten“ während der NS-Zeit.

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Grafik Zwischenanstalten
Hadamar und die „Zwischenanstalten“

Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst fördert bis Ende 2023 ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den auf dem Gebiet des heutigen Landes Hessen liegenden „Zwischenanstalten“ der Tötungsanstalt Hadamar.* Für das Projekt wurde ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat eingerichtet. In ihm sind Zeithistoriker:innen, Gedenkstätten- und Archivleiter:innen sowie Repräsentanten des Landeswohlfahrtsverbandes und des Bundes der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten versammelt. Der Beirat gewährleistet Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit, unterstützt die Bearbeiter und sichert die Qualität der Arbeitsergebnisse.

Ziel ist es, eine übersichtliche und verlässliche Informationsbasis zu den „Zwischenanstalten“ im Nationalsozialismus zu schaffen und diese Einrichtungen als Orte des Leidens und Mordens stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Das Projekt dient damit zugleich der fachwissenschaftlichen Erforschung wie auch der Erarbeitung eines gesicherten Wissensstandes für die Erstellung erinnerungskultureller Konzepte. Hierfür sind der Kontakt zu den lokalen Gedenk- und Erinnerungsinitiativen sowie öffentliche Vorträge und Tagungen konstitutiv. Ergebnisse werden gleichermaßen dem historischen Fachpublikum und der interessierten Öffentlichkeit präsentiert.

Wissenschaftliche Studie

Es wird eine Monographie verfasst, die sich auf die Anstaltsstandorte Eichberg, Herborn, Idstein und Weilmünster konzentriert. Im Fokus stehen dabei die Unterbringungs-, Versorgungs- und Lebensbedingungen der Patient:innen sowie die Rolle und Handlungsspielräume der Anstaltsleitungen und des Pflege- und Hilfspersonals. Im regionalen Vergleich soll darüberhinaus das Spezifische der hessischen „Zwischenanstalten“ herausgearbeitet werden. Angestrebt werden zudem eine umfangreiche Einbettung in die Geschichte der rassistisch legitimierten Gesundheitspolitik seit 1933, der reichsweiten Katastrophenmedizin der Kriegsjahre und der juristischen Verfolgung der Taten während der Besatzungszeit.

Digitale Aufbereitung

Das Landesamt für geschichtliche Landeskunde bietet mit seinem Informationssystem LAGIS ein geeignetes Online-Portal, über das während der Projektlaufzeit bereits erste Befunde, Zwischenergebnisse und Ergebnisse gebündelt, miteinander verknüpft und zugänglich gemacht werden können. Zudem wird im LAGIS-Modul „Topografie des Nationalsozialismus in Hessen“ kommentiertes Quellenmaterial zur Verfügung gestellt.

*Definition „Zwischenanstalten“: Im Sprachgebrauch der Quellen auch als „Sammelanstalten“ bezeichnet. Der Begriff „Zwischenanstalt“ wurde schon vor der NS-Zeit für Institutionen im Bereich der Fürsorgeerziehung und des Gefängniswesens genutzt. Beispielsweise wurden Einrichtungen für jene schulentlassenen Jugendlichen, die wegen „geistiger Abnormität“ weder in einer Erziehungs- noch in einer Irrenanstalt, sondern in einer Einrichtung, die „dazwischen“ lag, untergebracht wurden, so bezeichnet. Erst in der NS-Zeit erhielt der Begriff „Zwischenanstalt“ seine neue Bedeutung und wurde fortan für psychiatrische Versorgungseinrichtungen verwendet, welche Patient:innen für eine gewisse, meist sehr kurze, Zeitspanne aufnahmen, die später in einer Tötungsanstalt ermordet werden sollten.