Gastarbeiter

Landesamt erforscht Geschichte der sog. „Gastarbeiter“

Land fördert Quellenedition zur Arbeitsmigration mit rund 465.000 Euro

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Wiesbaden/Marburg. Sie kamen als so genannte „Gastarbeiter“, viele blieben, wurden mit ihren Familien Hessinnen und Hessen und leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg – doch die Geschichte der Menschen, die als Arbeitsmigranten und -migrantinnen kamen und heute einen festen Teil der Gesellschaft bilden, ist noch wenig erforscht. Ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt soll das ändern: Das Hessische Landesamt für geschichtliche Landeskunde (HLGL) in Marburg erarbeitet eine Quellenedition zur Arbeitsmigration in Hessen nach 1945. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst unterstützt dieses Projekt mit insgesamt rund 465.000 Euro.

„Hessen war schon immer ein Einwanderungsland, ist es geblieben und wird es immer sein. Aber gerade über die Zeit der so genannten ,Gastarbeiter’ wird noch viel zu wenig geforscht“, erklärt Wissenschaftsministerin Angela Dorn. „Es gibt über diesen ganz wesentlichen Teil unserer Geschichte und unserer Gesellschaft nur wenige gut erschlossene Quellen. Mehr als ein Drittel der Hessinnen und Hessen gilt als ,Person mit Migrationshintergrund im weiteren Sinn‘, das ist der höchste Anteil in einem Flächenland; dabei sind schon Enkelinnen und Enkel von Eingewanderten in dieser Kategorie gar nicht mehr erfasst. Die Geschichte Hessens ist eine Geschichte der Einwanderung, ob wir an die Hugenotten im 16. Jahrhundert denken oder die Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Zur Zeit des Wirtschaftswunders holte Deutschland dann viele Frauen und Männer in die wirtschaftlich dynamischen Industriezentren, auch nach Hessen. Angeworben wurden sie in der Annahme, dass sie nur für einige Zeit bleiben würden; Integration war nicht vorgesehen – ein Fehler, der zum Teil bis heute nachwirkt. Viele der so genannten ,Gastarbeiter‘ wussten wenig von Deutschland, wurden einem Unternehmen zugewiesen und in schlichten Baracken untergebracht. Die Arbeit war oft hart und schmutzig. Die Arbeiterinnen und Arbeiter nahmen es hin: Sie wollten vor allem Geld nach Hause schicken, um sich im Heimatland eine bessere Existenz aufzubauen. Dann aber holten viele ihre Familien nach und erschlossen sich weitere Berufsfelder. Es dauerte lange, bis sich in der Mehrheitsgesellschaft die Erkenntnis durchsetzte, dass Chancengerechtigkeit und Integration nicht von selbst kommen und die deutsche Gesellschaft von vielen Kulturen beeinflusst ist – und bis heute bestehen Herausforderungen fort, die auch auf diese Fehler der Anfangszeit zurückzuführen sind.“

Ziel des Projekts ist eine gedruckte und digitale Quellenedition zur Arbeitsmigration nach Hessen, von den ersten Anwerbeabkommen (1955) bis in die späte „alte“ Bundesrepublik in den 1980er Jahren. Dabei fällt der Blick neben der Arbeitswelt auch auf das Leben im Alltag, (Kultur-)Vereine, Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen. Die Quellenedition richtet sich gleichermaßen an akademisch Forschende, Schulen und an die interessierte Öffentlichkeit. Voraussetzung ist eine systematische Erfassung, Analyse und Kommentierung der überlieferten schriftlichen, bildlichen und audiovisuellen Quellen. Neben staatlichen und kommunalen Archiven sind Selbstzeugnisse der Eingewanderten ein großer Schwerpunkt. Die langjährige Expertise des Landesamtes in der datenbankgestützten Erfassung historischer Phänomene und Quellen ermöglicht dem Projektteam unter der Federführung von Dr. Wilfried Rudloff ideale Voraussetzungen. Das Projektteam verstärken die Arabistin Martina Merlo, als Tochter einer deutsch-italienischen Ehe bilingual aufgewachsen, und Dr. Stephanie Zloch, Autorin der Studie „Das Wissen der Einwanderungsgesellschaft“.

Pressetext: Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

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